Samstag, 28. September 2013

Bruno

Meine Kollegin nahm mich coolerweise in ihrem Auto mit, da sie am Bahnhof vorbeifährt und ich so eine Chance auf den früheren Zug hatte. Aber erstens kommt es immer anders und zweitens als du denkst. 

Schon an der ersten Ampel fiel uns ein großer brauner Hund auf, der offensichtlich herrenlos über die straße lief. Er trappelte von links nach rechts, von rechts nach links, Autos mußten bremsen ... es war ein Bild des Grauens. Keiner der Leute an der Straßenbahnhaltestelle fühlten sich verantwortlich, sondern sahen einfach nur zu. Unsere Ampel wurde grün, meine Kollegin fuhr langsam weiter, während wir beide uns die Hälse nach dem Hund und einem möglicherweise auftauchendem Herrchen verrenkten. Pustekuchen. Da kam niemand. fünfzig Meter weiter war die nächste rote Ampel und die Sache ließ mir keine Ruhe. "Du, das geht nicht." "Willst du raus?" "Ja." "Gut, ich wende und komm dir nach." Ich sprang raus und rannte die Meter hurtig auf dem Bürgersteig zurück. Der Hund kam mir entgegen und schlawinerte sich an mir vorbei. Jetzt konnte ich sehen, daß er nicht einfach schokobraun, sondern sein Gesicht schon ganz grau vom Alter war. Er erinnerte mich stark an einen alten Mann, der verwirrt durch die Straßen irrte. Er tat mir furchtbar leid. Aber seine Größe machte mir Respekt. So große Hunde sind toll, aber als Katzenmensch verstehe ich die Mimik und Gestik von so einem Kalb nicht. Der einzigen Hund, mit dem ich als Kind zu tun hatte, war ein pensionierter Drogenschnüffelhund, der perfekt abgerichtet war, weswegen man sich da nie Gedanken machen mußte, ob er einen beißt. 

Jedenfalls lief ich dem alten Hund langsam hinterher, meine Kollegin schloß auf und wir folgten ihm ein Stück die stark befahrene Straße entlang. Zu rennnen trauten wir uns nicht, weil wir ihn nicht provozieren wollten. Zum Glück blieb er auf dem Bürgersteig, lief aber immernoch orientierungslos hierhin und dahin. Endlich blieb er stehen und ich griff mit stark klopfenden Herzen nach seinem Halsband. Er blieb aber ganz ruhig. Zur Erklärung: Ich bin 1,72m groß und mußte mich nicht bücken, um sein Halsband zu halten. Das war ein schokobraunes, altes Mondkalb! Da muß eine Dogge im Stammbaum sein oder er war sogar eine deutsche Dogge. Ich weiß es nicht genau. Um mich zu beruhigen, nannte ich ihn Bruno. Er hörte auf Sitz, Platz und Beifuß (auf letzteres hörte er genau zwei Schritte, bevor er wieder zog). Jedenfalls las meine Kollegin die T*ssomarke an seinem Hals und rief dort an. Die versuchten wiederum, die Besitzer zu erreichen. Ohne Erfolg. Was tun? Tierheim? Neeeeeein, nicht den armen, alten Mann ins Tierheim bringen. Die Leute von T*sso gaben uns also nach einigem Hin und Her die Anschrift der Besitzer, die eine gute Viertelstunde Fußmarsch entfernt wohnten. Und so zogen wir los. 

Bruno war brav wie ein Lamm und lief artig neben mir her. Wäre er nicht lieb gewesen, wäre es wohl ziemlich doof für mich ausgegangen. Aber Bruno war artig, hörte sich unser aufgeregtes Geschnatter an und hob nur ab und zu an unpassenden Stellen das Bein. Das Gute ist, wenn man einen zugelaufenen Hund mit sich führt, daß man sich keine Gedanken wegen seinen Geschäften machen muß. Zumindest sahen meine Kollegin und ich das so. Wir liefen fast zu weit, aber Bruno blieb irgendwann einfach stehen und ging trotz Ziehen, Zerren und Locken nicht mehr weiter. Meine Kollegin sah, daß das nächste Haus schon zu weit gewesen wäre und wir liefen ein Stück zurück. Der Eingang zum Hof lag versteckt um die Ecke. Wir gingen rein und klingelten zuerst bei der Klingel der Besitzer. Keiner öffnete. Also klingelten wir bei einer Nachbarin, die ebenfalls in dem Haus wohnte. Sie ließ uns rein und während Bruno mich die drei Stockwerke hoch zu seiner Wohnung zog, blieb meine Kollegin bei der Nachbarin und erklärte ihr die Lage. Der arme Bruno weinte ein wenig leise vor der Tür, weil er nicht reingelassen wurde. Der Ärmste.

Ich kam gerade runter, als meine Kollegin unsere Handynummern und Namen auf einen Zettel schrieb. Wir organisierten bei der Nachbarin noch eine Blumenschale mit Wasser. Da kam die Besitzerin, eine alte Dame. Die Nachbarin lief ihr entgegen und erklärte ihr, daß zwei Studentinen ihren Hund hergebracht hätten. "Na toll, ein Downgrade." flüsterte ich meiner Kollegin zu, die leise lachte. Die Dame war uns unendlich dankbar, sagte, daß wir das unbedingt wieder machen sollten, falls uns sowas nochmal passierte und gab jedem von uns fünf Euro für ein Eis, obwohl wir uns nach Kräften zu wehren versuchten. Der Hund war ihr beim Gassigehen entwischt und sie hatte ihn eineinhalb Stunden gesucht, bevor sie nach Hause gefahren ist.

Hätten wir gewollt, hätte die Dame uns noch zu sich in die Wohnung eingeladen, aber meine Kollegin wollte nun so langsam mal heim. Und so verabschiedeten wir uns und zogen von dannen, kauften uns unterwegs tatsächlich ein Eis und sind nun um diese Geschichte, wie wir zwei den großen braunen Hund gerettet haben, reicher. Übrigens hieß er nicht Bruno, aber das war auch nicht zu erwarten gewesen. ^^  Er hieß Veron oder Veyron. Ich weiß nicht, wie es geschrieben wird. Aber am liebsten hätte ich mich zu Gassiführen verpflichtet, weil Bruno ... ähm  ... Veron so ein lieber, alter Hund war. Aber gut, jetzt kann ich bei der Frau bestimmt nicht mehr nachfragen. Das wäre wohl unheimlich.

Das ist also die Geschichte von Bruno, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. So ein schnuffeliger Riesenhund.

1 Kommentar:

  1. Wunderbare Herzgeschichte. <3 Ich sehe Bruno förmlich vor mir.

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